“Dafür sein, dafür halten, dafür büßen. Jemand ist reich, dafür aber auch geizig. Oder das verneinende dafür im Fragesatz, wie bei Schiller zu finden: „kann ich dafür, wenn eine knechtische erziehung schon in meinem jungen herzen der liebe zarten keim zertrat?“ Weshalb sich jeder auf seit seiner Kindheit dauerhafte Beschädigungen berufen darf: Dafür kann ich nichts, dafür kann ich nichts, weil…
Und schon ist dem dafür ein dagegen gesetzt, auch dagegen wie bei Hans Sachs: „mir grauet aber hart dagegen, mein hand an meinen herrn zu legen.“ Wenn jemand jedoch Hilfe erhalten hat und dagegen Treue verpfändet, steht dagegen auch dafür, weil „die braut nicht schön, dagegen klug sein kann.“ Und weitere Beispiele, die dafür wie dagegen sprechen, damit am Ende jeder Topf seinen Deckel drauf hat.
Dazu fällt mir ein, dass ich während der Wahlkämpfe, die unsere im Jahr neunundsechzig auf den Weg gebrachte Wählerinitiative bundesweit führte, einer werbenden Zeitung den Titel „dafür“ geben wollte. Und prompt bekam ich von den zur Mitarbeit aufgeforderten Autoren viel dagegen zu hören. Weil sie seit Jahren, wie die SPD seit einem Jahrhundert, im Dagegensein geübt waren, sahen sich einige allenfalls dazu bereit, mit Gegenargumenten für die Zeitung „dafür“ zu schreiben.
Dafürsein war anrüchig. Dagegensein schmückte. Wer dafür stimmte, wurde von langgeübten Neinsagern zur dumpfen Masse der Jasager gezählt. Wir stritten mit Lust, weil erprobt im Dafür und Dagegen. Diese zwei Wörtchen sind das Salz jeder Debatte. Wer stark im Dagegensein ist, schwächelt, sobald er dafür sein möchte, gerät dazwischen, ist weder noch dabei.
Man kann aber aus Prinzip dagegen und mit Einschränkung dennoch dafür sein: Eigentlich oder unter Vorbehalt bin ich dafür. Manchmal genügt ein ironisches Dafürhalten, um mit einem Dagegen in der Hinterhand Haltung zu beweisen. Darin waren wir stark.
Nach einem andauernden Disput oder Diskurs, wie man damals sagte, stimmten schließlich die Historiker Jäckel und Sontheimer, soager der Journalist Gaus dafür, und so durfte unsere recht poppig aufgemachte Zeitung unter dem provokanten Titel „dafür“ erscheinen; sie trug, weil ihr genügend viel dagegen beigemengt wurde, zum Erfolg unserer Aktion „Bürger für Brandt“ bei.”
Günter Grass „Grimms Wörter – Eine Liebeserklärung“, S. 138