Selbsttäuschung
“Kann man sich auch selbst belügen? Rein logisch betrachtet, scheint das unmöglich zu sein. Sich selbst zu belügen, erfordert ja, die Wahrheit zu kennen, sich aber etwas anderes vorzumachen: Man ist also gleichzeitig Lügner und Belogener. Klingt unlogisch, und doch sind wir Meister der Selbsttäuschung. (…) Häufig beruht sie auf “kognitiver Dissonanz”. Darunter verstehen Psychologen die Spannunng zwischen zwei widersprüchlichen Überzeugungen: Ein Raucher weiß zwar, dass er Krebs bekommen könnte. Zugleich aber weiß er, dass es ihm schwerfallen würde, damit aufzuhören. Um ein konsistentes Selbstbild aufrechtzuerhalten, muss er eine der beiden Überzeugungen verändern – etwa indem er sich einredet, dass die Krankheit ihn nicht treffen wird.”
aus: Hohe Luft – Philosophie Magazin, Ausgabe 1









Kann man, aber man kann sich auch selbst oder mit anderen von sich selbst ent-täuschen, dann muss man den Augenblick der verunsichernden Dissonanz aushalten bis sie Raum gibt für eine größere Konsonanz mit dem ich…bis sich diese (vielleicht!?) irgendwann auch als Trugbild erweist…
Vielleicht ist es ja auch so: jedes Bild braucht einen Rahmen, einen Kontext, eine Zeit…manchmal braucht man einen neuen Rahmen und dann verändert sich auch das Bild…der Eindruck/die Wahrnehmung des Bildes…same same but different…
Heiner Müller: Traumwald (1994/95)
Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mir entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldner Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.