Das Leben der Primzahlzwillinge
“Primzahlen sind nur durch eins und sich selbst teilbar. Sie haben ihren festen Platz, eingeklemmt zwischen zwei andern in der unendlichen Reihe natürlicher Zahlen, stehen dabei jedoch ein Stück weiter draußen. Es sind misstrauische, einsame Zahlen. [...]
Einige Primzhalen, [...] noch einmal spezieller als die anderen [...]. Primzahlzwillinge werden sie von Mathematikern genannt. Paare von Primzahlen die nebeneinander stehen oder genauer: fast neben einander. Denn zwischen ihnen befindet sich immer noch eine gerade Zahl, die verhindert, dass sie sich tatsächlich berühren. Zahlen wie 11 und 13, wie 17 und 19 [...]. Bringt man die Geduld auf, weiter und weiter zu zählen, stellt man fest, dass diese Pärchen immer seltener werden. Man stößt immer auf weniger Primzahlen, die verloren dastehen in diesem lautlosen, monotonen – nur aus Ziffern bestehenden – Raum, und es beschleicht einen das beklemmende Gefühl, dass die Pärchen, die einem bis dahin begegnet sind, rein zufällig zusammen standen und dass es eigentlich ihr Schicksal ist, allein zu bleiben. Aber dann, wenn man aufgeben und nicht mehr weiter zählen will, stößt man auf ein weiteres Pärchen von Zwillingen, die sich – eng umschlungen – aneinander festhalten [...]
Primzahlzwillinge […], alleine und verloren, sich nah, aber sich doch nicht nah genug, um sich wirklich berühren zu können.”
Paolo Girodano “Die Einsamkeit der Primzhalen”








