Kleine Reihe zeitloser Schriften Vol. 5: Schrift zur Sichtbarmachung des “Kranken” als Quell literarischen Schaffens
Das Kranke als Quell
literarischen Schaffens
Die Krankheit selbst kann ein Stimulans des Lebens sein, nur muß man gesund genug für dieses Stimulans sein.
Robert Musil: “Der Mann ohne Eigenschaften”
Die folgende Definition des Krankheitsbegriffes soll nicht ein allumfassendes, in Gänze beleuchtendes Ausmaß offenbaren, sondern vielmehr eine Art gedankliche Ouvertüre bieten, die eingangs Facetten liefert, die nachgestellt für das Verständnisgeflecht des Gesamtkontextes mitunter dienlich sein können.
„Das Wort Krankheit, synonym zu Schwäche, Leiden, Not bezeichnet die Störung der normalen Funktion des ganzen Organismus oder eines Organs, sowie der Psyche. …
Krankheit wird oft im Gegensatz zu Gesundheit definiert. Allerdings wurde Gesundheit auch schon als idealer Zustand optimalen Wohlbefindens definiert, und Krankheit ist nicht die einzig mögliche Ursache für mangelhafte Gesundheit. Die Übergänge zwischen „Gesundheit“ und „Krankheit“ sind fließend. Vieles mag letztlich einfach eine Frage der Sichtweise sein. So hat sich der Begriff Befindlichkeitsstörung für Einschränkungen des leiblichen oder seelischen Wohlbefindens ohne objektivierbaren medizinischen Krankheitswert eingebürgert. Andererseits können als krankhaft definierbare Zustände auch ohne subjektiven Leidensdruck vorliegen.
Die normale Funktion ergibt sich aus der Regelhaftigkeit der Lebensvorgänge; in unterschiedlichem Ausmaß beinhaltet sie die Fähigkeit zur Anpassung an veränderte innere und äußere Bedingungen. Ihre Beurteilung durch Menschen weist auch Abhängigkeit von deren Normalvorstellungen auf. Als Funktionsstörung kann Krankheit verschiedene Bereiche lebendigen Seins betreffen und sich in deren Wechselwirkungen entwickeln.“
(www.wikipedia.org/wiki/Krankheit)
Zu Anfang muss als wohlweißich und unverkennbar vorausgesetzt werden, dass historische Schriftsteller wie Friedrich Nietzsche, Franz Kafka oder Marcel Proust immer wieder das Kranke, das Leid und das Absonderliche streiften, es somit zum Fokus ihrer Schriften erkoren. Zweifelsfrei trugen besagte Autoren das Kranke mitunter auch als Teil ihrer Person in sich. Aber auch in der modernen Literatur finden sich Thematisierungen des Kranken, in beiden folgenden Beispielen als Beschreibungen von individuellen Schicksalen der Protagonisten der literarischen Werke. Die beiden ausgewählten Autoren Matt Ruff und Pelle Sandstrak thematisieren das „Kranke“ jeweils auf eigene Weise, obschon beiden offensichtlich immanent ist, ein Krankheitsbild literarisch klar zu fixieren.
So sei es, dass dies hier als Anlass dienen soll, im Zentrum der Betrachtung sogenannte Krankheitsbilder und deren Symptome, Ausmaße und Folgen stehen zu lassen. Ausgangspunkt dieses Fokus ist die schlichte Tatsache, dass Autoren wie die oben genannten menschiche Krankheiten als Stimulans ihres literarischen Schaffens betrachteten oder aber das „Kranke“ in ihnen es verlangt, sie antreibt und zu Schriftstellern werden lässt, die den Kern ihres Schaffens immer wieder in der Offenbarung der Auseinandersetzung ihrer Protagonisten mit sich und der Welt suchen und finden. Im Dickicht aus allerlei Einzelheiten und Eindrücken stilisiert sich das Kranke zum Hauptmerkmal ihrer auf Papier geformter Figuren. In beiden Fällen, also der Faszination an der Sonderbarkeiten von Krankheiten, aber auch im Falle des „Selbst-befallen-Seins“wird oft eines deutlich: Der Mensch ist ein zähes Wesen, welches den seltsamsten und ungewöhnlichsten Verhaltensweisen – Symptomen – ausgesetzt, eines doch nur zu oft beweist: Er meistert sein Leben! Absurd, mitunter mit dem Anschein von Groteskem, Zwängen unterliegend, angestrengt, manchmal leicht, durchdacht, gejagt, getrieben und trickreich. Wie dem auch sei, sogar zum äußersten Aushaltbaren getrieben, gelingt es dem Mensch, so auch in den von mir ausgewählten literarischen Beispielen, ein – trotz aller Plage durch das Kranke – Dasein an den Tag zu legen, welches im Grunde eine affirmative, letztlich positive Art der Lebenslagenmeisterschaft aufzeigt, kurz: Die Protagonisten sind in letzter Instanz meist „besessen vom Leben.“
Generell gehört zunächst sicherlich nicht sonderlich viel Vorstellungsvermögen dazu, nachzuvollziehen, warum das Kranke ein literarisches Potential in sich birgt, warum von dessen Beschreibung eine extravagante Faszination beim Leser auszumachen ist. Ohne Zweifel sprechen wir Menschen an auf die Leiden anderer, finden Interesse, offenbaren ein Spektrum an Facetten von Neugier, über Scham und Aversion bis hin zum blanken Ekel und gar Hass, selten jedoch ein Desinteresse an den Krankheitsbildern, den Leiden und verzwickten Lebenslagen der anderen. Das Leben vereinnahmende Diagnosen wie Persönlichkeitsstörungen, Tourette-Syndrom, Borderline-Störung, aber auch monomanische Tendenzen liefern den Romanfiguren ihre Eigenarten, ihre Absurditäten, ihre Zwänge und Leiden, ihre Besonderheit und ihre Irrfahrten durch das Sein, mal geradlinig, oft kurvenreich, meist mit vielen Höhen und Tiefen, am Rande des – dem eigenen Ego und der nahen Umwelt – Zumutbaren, kurz vor Wahnsinn, aber vielfach auch mit einer unbeschreiblichen Nähe zum Glücklichsein.
Um nicht beispiellos im Felde der abstrakten Beschreibungen zu verharren, sollen nun zwei literarische Werke die „Probe auf das Exempel“ machen, um Stichhaltigkeit, Tiefe und Beweis meiner Ausführungen bezüglich der Nutzbarmachung des Kranken in der literarischen Schöpfungswelt aufzuzeigen. Namentlich dienen meinen thematischen Überlegungen der amerikanische Autor Matt Ruff und sein Werk „Ich und die anderen“, sowie der norwegische Prosaist Pelle Sandstrak mit seinem Werk „Herr Tourette und ich“. Diese beiden Gegenwartsautoren stehen für mich sinnbildlich für das augenscheinliche Phänomen, das Kranke in den Mittelpunkt schriftstellerischer Betrachtung zu rücken. Indes offenbart sich jedoch ein Unterschied in der motivationalen Ausgangslage beider Vertreter der schreibenden Zunft. Ist bei Matt Ruff als Nichtbetroffener das Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeitsstörung sicherlich aus Interesse und Überzeugung an einer – den Leser fesselnden – Faszination Ausgangspunkt einer intensiven Recherche über multiple Persönlichkeiten gewesen, die den „Rohbau“ seines Romans bildet. Dem Gegenüber – und doch literarisch bei weitem nicht „Vis á Vis“, sondern durchaus sinnverwandt – steht Pelle Sandstrak, der in seinem Buch schlichtweg sein Leben mit dem seltenen „Tourette-Syndrom“ in einem – wie der Untertitel des Buches offenbart – „Bericht eines glücklichen Menschen“ darstellt. In beiden Werkenn erhält der Leser tiefen Einblick in die Erfahrungen der Protagonisten mit dem „Kranken“ in sich, mit dem Kranken an sich, was zur Folge hat, dass dem Leser aber auch das Kranke, das einen umgibt, transparent wird.
Nach dem jeweiligen kurzen inhaltlichen Abriss der Werke, erhebe ich die Zitation markanter Sätze zum Mittel meiner Vorgehensweise, die ihren Höhepunkt endlich darin finden soll, eine Miniatur von dem zu liefern, was beiden Autoren aufs überzeugendste gelungen ist: Die Darstellung – so für die Allgemeinheit – menschlicher Ausnahme- und Grenzsituationen als Teil eines Lebensschicksals mit einer besonderen Krankheit, gleichwohl aber auch die Darstellung – so aus Sicht der Protagonisten – der schlichten Alltagsbewältigung, mal komplizierter, mal einfacher, genau so wie das Leben spielt.
Matt Ruff „Ich und die anderen“
Andrew Cage gibt es im Grunde nicht. Er ist lediglich der Abkömmling einer starken Seele im Kopf von Andy Cage, einem schwer traumatisierten Menschen. Andrew Cage hat sich und die anderen – es sind etliche – in seinem Kopf mittlerweile ganz gut im Griff. Alle leben in einem geografischen Raum, dessen Mittelpunkt ein Wohnhaus darstellt, welches mit Hilfe einer engagierten Psychologin geschaffen wurde, um das Leben der vielen Ich-Abspaltungen in Andy Cages Kopf zu zähmen und ihnen einen Rahmen zu geben, in denen sie untereinander interagieren, aber auch die Bühne der Welt in möglichst strukturiertem Rahmen begegnen zu können. So gelingt es Andrew Cage zwar ein ungewöhnliches, selten einzigartiges Leben zu leben, das nicht versucht, seine vielen Egos zu einem einzigen zu reintegrieren, sondern auf Akzeptanz seiner Ich-Abspaltungen gründet und deren Existenz mit einer Haltung entgegentritt, die vergleichbar mit der Akzeptanz von zum Beispiel Linkshändigkeit ist. Andrews filigranes seelisches Konstrukt wird in den Grundfesten erschüttert, als er Penny Driver kennenlernt, die ebenfalls eine multiple Persönlichkeit ist, anfangs unbewusst und untherapiert, durcheinander, unkontrolliert: Viele! Das Aufeinandertreffen dieser verstörten Charaktere endet in einer Reise durch die Vergangenheit, einem Strudel an Erinnerungen und Gefühlen, streift das Glück auf besondere Art und Weise und zeigt, wie das Kranke bei jedem Menschen in unterschiedlichem Antlitz aufblitzt. Das Folgende soll Verstehen machen, was das Phänomen der multiplen Persönlichkeitsstörung als literarischer Quell ausmacht:
„Wahrscheinlich sollte ich das mit dem Haus erklären. … Haus, See, Wald und Wüste befinden sich alle in Andy Cages Kopf, beziehungsweise in dem, was Andy Cages Kopf gewesen wäre, wenn er noch lebte. Andy Cage wurde 1965 geboren und nicht lange danach von seinem Stiefvater, einem sehr bösen Menschen namens Horrace Rollins, ermordet. Es war kein normaler Mord: die Mißhandlungen und Schändungen waren zwar real, sein Tod aber nicht. Tatsächlich starb nur seine Seele, und als sie starb, zersplitterte sie. Dann wurden die einzelnen Fragmente zu eigenständigen Seelen, den gmeinsamen Erben von Andys Leben.
Damals gab es noch kein Haus, lediglich einen dunklen Raum, in Andy Cages Kopf, in dem alle Selen gemeinsam hausten. In der Mitte des Raumes ragte eine Säule aus gleißendem Licht auf, und jede Seele, die in das Licht trat oder hineingezogen wurde, fand sich draußen wieder, in Andy Cages Körper, ohne jede Erinnerung daran, wie sie dorthin geraten oder was seit ihrem letzten Ausstieg geschehen war. Wie sie sich vorstellen können, war das ein beängstigendes, schreckliches Dasein, um so schrecklicher, als die Übergriffe des Stiefvaters keineswegs aufhörten. Von den sieben ursprünglichen Seelen, die von Andy Cage abstammten, wurden fünf später ebenfalls ermordet, und selbst die zwei überlebenden sahen sich gezwungen, sich aufzuspalten, um mit der Situation fertig zu werden. Als sie endlich von Horrace Rollins freikamen, lebten in Andy Cages Kopf bereits über hundert Seelen.
Da erst begann der eigentliche Kampf. Im laufe vieler Jahre gelang es den zwei überlebenden ursprünglichhen Seelen – Aaron, meinem Vater, und Gideon, meines Vaters Bruder -, sich immerhin ein ausreichendes Gefühl von Kontinuität zusammenzustückeln, um zu begreifen, was mit ihnen geschehen war. Mit Hilfe einer guten Ärztin namens Danielle Grey arbeitete mein Vater daran, Ordnung zu schaffen. Anstelle des dunklen Zimmers konstruierte er in Andy Cages Kopf einen geografischen Ram, eine sonnige Landschaft, in der die Seelen sich sehen und miteinander sprechen konnten. Er schuf das Haus, so dass sie eine Wohnung hatten; den Wald, damit sie einen Ort hätten, an den sie sich zurückziehen konnten; und das Kürbisfeld, damit die Toten anständig begraben werden konnten. Gideon, eine selbstsüchtige Seele, wollte mit alldem nichts zu tun haben und tat alles in seiner Macht Stehende, um die Landschaft zu zerstören, bis mein Vater sich schließlich gezwungen sah, ihn in die Wüste zu schicken.
Die Anstrengung, das Haus zu vollenden, erschöpfte meinen Vater so sehr, dass er kaum noch Lust hatte, sich mit der Außenwelt abzugeben. Irgend jemand musste aber den Kopf steuern; und so ging mein Vater, an dem Tag, als die letzte Schindel festgenagelt war, an den See hinunter und rief meinen Namen. … Mein Name ist Andrew Cage. Als ich aus dem See stieg war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Ich wurde mit meines Vaters Kraft geboren, doch ohne seine Müdigkeit; mit seiner Beharrlichkeit, doch ohne seinen Schmerz. Ich wurde dazu aufgerufen, das Werk zu Ende zu führen, das mein Vater begonnen hatte: eine Aufgabe, die er sich vorgenommen hatte, für die ich aber geschaffen worden war.“ (S. 10ff)
„Julie hatte mich einmal gefragt, was es für ein Gefühl sei, den Körper zu verlassen. „Ziehst du dich in dich hinein, oder schwebst du davon oder was?“ Nach mehreren missglückten Versuchen, es zu beschreiben, verfiel ich auf folgende Übung… Legen sie den Kopf so weit wie möglich in den Nacken. Sie werden eine Anspannung ihrer Nackenmuskulatur spüren, die schon bald in regelrechten Schmerz übergeht. Stellen sie sich vor, dass diese Anspannung sich nach außen hin ausbreitet, sich von hinten um ihr Gesicht schmiegt und dann hinabschießt, in Rumpf, Arme und Beine, bis sich ihre ganze Haut in einen starren Panzer verwandelt, wie eine Ritterrüstung. Jetzt stellen sie sich vor, dass sie einen Schritt zurücktreten, aus dieser Rüstung aussteigen und sich aber nicht hinter ihrem Körper, sondern ganz woanders wiederfinden. Und stellen sie sich schließlich vor, dass sich das alles in einer Zeitspanne zwischen zwei Herzschlägen ereignet. So fühlt es sich an – mehr oder weniger.“ (S. 143f)
“Farben, Geräusche, Geschmäcke, Gerüche und Tastempfindungen sind innen (Anmerk.: im Haus) ganz genauso wie draußen. Das Haus sieht aus und fühlt sich an wie ein reales Haus. … Das einzig auffällig verschiedene ist man selbst, da man drinnen ja den Körper nicht trägt – das heißt also beispielsweise, dass die Perspektive, in der man die innere Welt wahrnimmt, davon abhängt, wie groß die eigene Seele jeweils ist.
Über der inneren Landschaft spannt sich ein Himmel, der sich in nichts vom realen Himmel unterscheidet: ein normaler Himmel mit Sonne, Mond und Sternen. … wenn es außen Tag ist, ist es innen Tag, und das gleiche gilt für die Nacht. In der inneren Landschaft herrschen auch bestimmte Witterungsverhältnisse, die aber eindeutig nicht mit denen der realen Welt übereinstimmen … tags wie nachts ist der Himmel in Andy Cages Kopf fast immer heiter, und regnen tut es nie. … Was die in der Landschaft herrschenden physikalischen Gesetze anbelangt, nun das ist eine komplizierte Geschichte. Da die Landschaft eigentlich nicht existiert, sind innen manche Dinge möglich, die außen nicht möglich sind… Wenn man zum Beispiel auf dem Hügel neben der Lichtsäule steht und will zum Haus, kann man zwar den Pfad entlang gehen, man muss es aber nicht – wenn man es eilig hat oder schlicht keine Lust zu laufen hat, kann man einfach beschließen, im Haus zu sein, und sofort ist man da.“ (S. 145f)
„Der Grundriss des Hauses in Andy Cages Kopf … ist eine ziemlich schlichte Konstruktion. Das Erdgeschoss ist ein großer Gemeinschaftsraum. … Für das Meeting war in der Mitte des Gemeinschaftsraums ein langer Tisch aufgestellt worden. Der Tisch war an einem Ende breiter als am anderen, und als Oberhaupt der Hausgemeinschaft nahm mein Vater an diesem breiten Ende Platz. Ich setzte mich zur rechten meines Vaters; Adam zu seiner Linken. Die nächsten zwei Sitzplätze auf meiner Seite des Tisches nahmen Tante Sam und Jake ein; neben Adam saß Seferis. Weiter hinten saßen Simon, Drew und Alexander; Angel, Anis und Rhea; Sander, Archie, Seth und die zwei Samuels; der Totengräber Silent joe und Käpt’n Marco. Viele von ihnen waren Seelen, die es, wie meinem Vater, leid geworden waren, sich mit der Außenwelt zu befassen, … Weitere Seelen – Aberdutzende davon – sahen von der Galerie herunter: die Zeugen. Die Zeugen waren das, was höfliche Psychiater als „Fragmente“ zu bezeichnen belieben – von einem einzelnen traumatischen Erlebnis oder Fall von Misshandlung erschaffene Splitter-Seelen. Lebende Verkörperungen einer quälenden Erinnerung, sahen sie durchweg aus wie kleine Kinder; etliche von ihnen waren das Ebenbild von Jake. Doch ihnen fehlte Jakes Persönlichkeitstiefe, da die meisten von ihnen überhaupt nur ein einziges Mal draußen gewesen waren: im entsetzlichen Augenblick ihrer Zeugung. … Mein Vater erklärte das Meeting für eröffnet.“ (S.149f)
„Die klassische Metapher für einen Patienten mit multipler Persönlichkeitsstörung … ist die zerbrochene Vase. Die Metapher impliziert bereits eine naheliegende Lösung: Sammle die Scherben ein, besorge dir Klebstoff und setze die Vase wieder zusammen. Oder ins menschliche übersetzt: Identifiziere alle Scherben und Fragmente der ursprünglichen Persönlichkeit und reintegriere sie mit hilfe eines geeigneten „Klebstoffs“ – wie Gesprächstherapie, Hypnose und Medikamente – zu einem einheitlichen Ganzen. … Das einzige Problem bei diesem Szenario ist, dass die Metapher nicht stimmt. Man kann eine Vase zerschmeißen, begraben und zwanzig Jahre später ausbuddeln und einwandfrei wieder zusammensetzen. Das ist möglich, weil eine Vase von vornherein tot ist und ihre Fragmente keinerlei Eigenleben besitzen. Aber Menschenseelen sind nicht aus Porzellan. Sie sind lebendig, und sie verändern sich, wie es in der Natur alles Lebendigen liegt – selbst nachdem man sie in Trümmer geschlagen hat.
Vergessen wir also die Vase; denken wir stattdessen an einen Rosenstrauch, der von einem Sturm entwurzelt und in mehrere Teile gerissen wird. Die einzelnen Teile werden über den ganzen Garten gerieben, bis sie sich irgendwo verhaken; sie bilden wieder Wurzeln und versuchen zu wachsen, was natürlich jetzt, wo sie miteinander um Platz und Licht konkurrieren müssen, nicht mehr so leicht ist. Trotzdem schaffen sie es irgendwie – jedenfalls die meisten von ihnen -, und zehn, zwanzig Jahre nach dem Sturm hat man nicht mehr einen, sondern eine Vielzahl von Rosensträuchern. … Die Lösung, die die Metapher von der zerbrochenen Vase nahelegt, funktioniert bei der Rosenstrauch-Metapher nicht. Einen ganzen Rosengarten weider in einen einzelnen Rosenstrauch zu verwandeln erfordert mehr als ein bisschen Geduld und Klebstoff; man muss hier und da zurückschneiden und ausreißen und wegwerfen, und wenn man damit fertig ist, hat man auch nicht den ursprünglichen Rosenstrauch, sondern eine Frankenstein-Parodie desselben.“ (S. 160ff)
„Die Hauptschwierigkeit, mit der multiple Persönlichkeiten konfrontiert werden, … ist nicht so sehr ihre Anomalität als vielmehr ihre Dysfunktionalität. Multiplizität ist für sich genommen nicht problematischer als Linkshändigkeit. Dass man Zeit verpasst, außerstande ist, einen Job oder eine Wohnung für längere Zeit zu behalten, detaillierte Listen benötigt, um den Alltag zu bewältigen – das sind Probleme. Aber es sind Probleme, die ein gut organisierter multipler Haushalt mit vereinten Kräften durchaus zu überwinden lernen kann. Dr. Grey ging zwar nicht soweit zu behaupten, die Reintegration sei nie das anzustrebende Ziel der Behandlung von MPS, ließ aber keinen Zweifel daran, dass sie ihr bestenfalls sekundäre Bedeutung beimaß. Wichtig war ausschließlich, die Verwirrung zu beseitigen, die unkontrollierte Persönlichkeitswechsel bedingten: Ordnung herzustellen. Ob man am Ende eine einzige Seele hatte oder zehn, oder hundert, war Nebensache.“ (S. 164)
„Ich bin zweiunddreißig Jahre alt – beziehungsweise sechs, je nachdem, wie man rechnen will. Ich stehe weiterhin jeden Tag um die gleiche Zeit auf und absolviere dasselbe Morgenritual … und spendiere den Seelen, die das möchten, etwas Körperzeit – wie gehabt natürlich unter der Voraussetzung, dass sie sich vorher benommen haben.“ (S. 708)
Pelle Sandtrak „Herr Tourette und ich“
In einem Potpourie aus Tics, Zwängen, Wortkaskaden und Ritualen, die sein eigenes Leben zu dem machten, was es ist, berichtet Pelle Sandstrak die Phasen seines Lebens. Dabei nimmt er den Leser mit in die Geschichten und Erlebnisse eines Menschen; es ist sozusagen eine Innenansicht des Tourette-Syndroms. Pelle kann die Buchtstaben x,y und z nicht ertragen, hat eine sonderbare Beziehung zur Eishockeylegende Wayne Gretzky und zu Flugzeugen, weiß, dass für ihn „rot“ gleichbedeutend mit „Tod“ ist, hat Probleme mit Türschwellen und Essgeräuschen der anderen, mag aber Norden und blau. Atemberaubend autobiografisch spiegeln sich die Gefühle und Gedanken eines Menschen wieder, der hier auf wundersame Weise zur Hauptfigur einer einzigartigen Geschichte – eines notgedrungen entstandenen Lebensentwurfs – wird. Die ersten beiden Dekaden sind umschrieben als ein stetig wachsendes Geflecht aus ritualisierten, jedoch immer auch nur einen Moment vom Kontrollverlust entfernten Verhaltensmustern. Alles getragen von einer fast genialen Welt aus „fantastischen“ – teilweise absurd begründeten – intrapersonellen Denkweisen und Theorieansätzen, die sich in – von Zwang bis hin zu berstennder Wut getragenen – Handlungen manifestieren. Oft belächelt und für verrückt erklärt, zum Clown verkommen und sich selbst kaum verstehend, gelingt dem Protagonisten – nachdem er in einem Radiobericht über das Tourette-Syndrom gehört – in einem Prozess intensiver Verhaltenstherapie zu der vielsagenden Aussage zu kommen: „Tourette ist nicht nur eine Belastung. Ich sage immer, Tics sind wie ein Orgasmus – nur besser.“ In den folgenden Sentenzen des Autors liegt die Erkenntnis über diese Facette des Kranken in der Literatur begraben:
„Ich denke Gedanken, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt.“ (S. 12)
„So wie ein Flugzeug über das Dorf fliegt und ich mich in der Nähe des Gartentors befinde, muss ich die Stiefel ausziehen und sie zu einem Flugzeug umformen – die Schnürsenkel sind die Tragflächen, die Schuhspitze ist das Cockpit, der Schuh selbst die Kabine. Dann muss ich nach oben schauen, zum Flugzeug hin, ganz still stehen, zuhören, … dann wird es keine Katastrophe geben. Schön. Fühlt sich gut an.“ (S. 15f)
„… ich weiß, was passiert, wenn ich da vor dem Gartentor nicht so mache: Mein Hirn wird aus dem Kopf springen, sich wie ein Torpedo auf das Flugzeug zubewegen, … das Flugzeug masakrieren, das Flugzeug stürzt schnurgerade ab, auf das Dorf, in zentausend Teilen, … alle werden sterben. Und das ist alles die Schuld meines Gehirns. (S. 15)
„Ich habe die Gedankentätigkeit einigermaßen unter Kontrolle. Manchmal führe ich das Ritual in einer Woche einmal durch, in der nächsten dreimal, und dann wieder gar nicht. Das wechselt.“ (S. 17)
„ Ich verspüre ein sehr starkes Bedürfnis, Sachen in die Hand zu nehmen, anzufassen, zu berühren. … – Schmuck, Leder, Gummi. … Dann werde ich ruhig, es entstresst mich, die Impulse verschwinden. … Ich versuche es bleiben zu lassen, aber da ist das Gefühl, als würde der Körper überkochen. Ich habe nicht die geringste Chance, es nicht zu tun. … also zuckt es … und dann passieren die Dinge einfach. Ich will nicht stehlen, ich will das Material nur befühlen. Es sind Gefühl + Duft + Material, worauf ich scharf bin. Nichts anderes.“ (S. 30)
„Ich schaue weg, wenn ich x, z, y sehe… Ich fange an, alle x,z,y wegzuradieren. Nicht den ganzen Buchtstaben, nur den halben. Schreibe halbe x, z, y anstelle von ganzen. … Ich schlage die Mathematikarbeit auf. Das einzige, was ich sehe, sind eine Menge x und z und y. … Zucken im Bauch, Geräusch. … X ist am schlimmsten… Dann kommt das z, das ist fast ebenso brutal… Am Schluss kommt das y, das nur ein halbbrutaler Buchstaben ist. Nicht so aggressiv in der ausformung wie das x und z, aber ausreichend brutal, um in der Liste lebensgefährlicher Buchstaben noch unter die ersten drei zu kommen.“ (S. 42ff)
„Und dann ist da dieses etwas seltsame Gefühl, das ich in mir herumtrage. Als würde ich verrückt werden. … Ich glaube, der weg in die Verrücktheit ist anstrengender als sich in der Krankheit zu befinden. … Ich weiß nicht richtig, wo ich mich befinde.“ (S. 112)
„Vom Dorf wegzufahren, auf dem Weg an einen Ort zu sein, wo ich niemanden kenne und auf niemanden Rücksicht nehmen muss. … Der Kopf wiegt gewissermassen weniger, obwohl doppelt so viele Gedanken drin sind wie vor der Reise. Vielleicht wiegen gute Gedanken weniger als schlechte, vielleicht ist der Kopf immer noch genauso groß wie vorher. Vielleicht haben die guten Gedanken den schlechten einen gehörigen Schrecken eingejagt, und plötzlich kommt einem alles leichter vor, auch der Kopf.“ (S. 115)
„Mit so einem kopf wei meinem rumzulaufen, gezwungen zu sein, die Schuhe zu waschen, damit sie nicht das Haus verseuchen, Mohrrübengeräusche wegzukloppen und Butter und Milch und Magarine zu vermeiden, nach Norden shclafen zu müssen, den Kopf an die Wand donnern zu müssen, wenn ich aufwache und mit dem Kof nach Süden liege. Besser sterben. … Und wenn die Schulschwester mit ihrer schwarzen Tasche angerannt kommt und mich fragt, wie ich heiße, dann wird sie nur Teile meines Kopfes schief zwischen zwei Dreschmessern im Mähdrescher hängen sehen, und ich werde antworten, dass sie mich nie vergessen werden: „Wayne Gretzky heiße ich, und sie?“ Und dann sterbe ich, ohne Ansteckung im Körper, rein wie ein Eisstück.“ (S. 121)
„Mein Tanzstil, wenn das Wort Stil hier überhaupt zur Anwendung kommen kann, enthält eine Menge unkontrollierter Bewegungen, ausgebreiteter Arme und Beinzuckungen, die mit einzelnen Geräuschen und Stöhnern gewürzt werden. Ich beschreite die Tanzfläche, als würde ich eine fremde Macht überwältigen, mit den Tics als Panzer und den Beinen als Maschinengewehren. … Es ist immer eine bestimmte Musik, die mich entzündet.“ (S. 131)
„Sacks (Anmerk.: der amerikanische Neurologe Oliver Sacks) schreibt über ein Syndrom, das auf mich zutreffen könnte: Zwangsgedanken, unfreiwillige Geräusche, Mangel an Kontrolle über Impulse, Konzentrationsprobleme. … Tourette?“ (S. 154)
„Es ist nicht leicht. Das ist es nicht. Das soll es auch nicht sein. Es ist nicht gut, wenn es zu leicht geht. Es ist nicht leicht für dich. Jetzt gerade ist es nicht leicht. Aber du sagst ja, Junge. Du sagst ja. Die meisten sagen nein, aber du sagst immer ja. Ja führt nach vorn, nein führt rückwärts. Versprich mir, das du immer weiter ja sagst, und dann wirst du später im Leben doppelt so viel dafür zurückbekommen. … Ich würde ihnen so gerne eine große und lange Riesenumarmung geben, als Dank für die Hilfe, und … ins Ohr flüstern, was die Wahrheit ist: Ja, ich habe doppelt so viel zurückbekommen.“ (S. 182ff)
„Je größere Verbalwellen aus mir herausschwappen, desto ruhiger fühle ich mich hinterher. Als würde die Freiheit in einem zehnminütigen hemmungslosen Verbaltic dieselbe Wirkung auf den Körper haben wie eine doppelte Dosis Valium.“ (S. 213)
„Zu viel Zeit schafft Raum für Nachdenken, was schnell in Zwangsgedanken übergeht, die sich nur zu leicht in Zwänge verwandeln, die noch leichter in Ritualen enden.“ (S. 241)
„Die Rituale besetzen meinen gesamten Alltag. … Ihre Treue ist auf perverse Art abstoßend. Sie sind überall dabei, ganz gleich, welche Tageszeit es ist – machen diese Quälgeister denn niemals Ferien? … Früher konnte ich sie fernhalten, indem ich mich dazu nötigte, intensiv zu leben… Jetzt fehlt das alles. … Stattdessen tauchen weitere Rituale auf, oder neue Varianten von alten. Ausgedehnte Versionen, verlängerte, doppelte Varianten in kürzeren Zeitabständen.“ (S. 281f)
„Ich versuche, nicht so viel zu denken. Es ist nicht gut, wenn man zu viel denkt. … inzwischen ist es nicht mehr so leicht für mich, zwischen den gesunden und und den kranken Gedanken zu unterscheiden, was vor nur wenigen Monaten noch ein unnormales Verhalten war, hat sich jetzt zu einer natürlichen Alltagsroutine entwickelt.“ (S. 285)
„Ich weiß nicht, vielleicht warte ich darauf, dass jemand ins Zimmer kommt und mich wegträgt, mich auf einer Bahre festzurrt und in ein Krankenhaus einschließt. Vielleicht wäre das ja besser als in einem nach Urin stinkenden Zimmer in einem kranken Gehirn eingeschlossen zu sein. Aber ich bleibe auf dem Stuhl sitzen und denke weiterhin, dass morgen, morgen alles sicher besser gehen wird, morgen geht das Leben weiter, übermorgen wird das gesunde Leben weitergehen. … ich befinde mich im Kranken. … Die Zwänge besetzen mein Verhalten, der Alltag im Zimmer ist nicht mehr auszuhalten, ich kann nur noch dasitzen und darauf warten, dass das Kranke verschwindet… .“ (S. 291)
„Der Zwnag hat eins in die Fresse gekriegt, ich habe gewonnen. … Bin ich schon mit einer Dosis guten magischen Glücks infiziert worden?“ (S. 294)
„… siebenundneunzig schwerbehindert. Siebenundneunzig Prozent. Das bedeutet, dass bis hundert immer noch drei Prozent sind. Ehe ich abreise, frage ich… wofür die letzten drei Prozent stehen. „Für die Hoffnung“, antwortet er.“ (S. 435)
„Wir rechnen aus, dass ich ungefähr 173 Rituale habe. Dann erstellen wir eine Liste mit den drei Ritualen, die am anstrengendsten sind und mich am meisten behindern. Ich nenne es die „Höllenliste“.“ (S. 444)
„Wir haben es geschafft, die drei schlimmsten Rituale, die mein Leben seit ich denken kann, bestimmt haben, und die mich zu siebenundneunzig Prozent schwerbehindert gemacht haben, nach und nach zu zerhacken. … Alles wird leichter.“ (S. 462ff)
„Ich selbst bin das Ergebnis, die Antowort auf meine eigene Frage: Werde ich irgendwann gesund sein? Hoffentlich nicht. Nur so gesund, wie ich sein will. … Es gibt wohl keinen tieferen Sinn in Leiden und Freude der Menschen. Man hat Glück oder Unglück. Einige erfahren viel Widerstand, andere merken kaum, dass sie leben. Verschiedene Widerstände und verschiedene Möglichkeiten. … Möglichkeiten bedeuten Hoffnung, und die Hoffnung ist persönlich. So gesund, wie ich sein will. Jetzt will ich nicht gesünder sein, nun genügt es. Ich habe vor langer Zeit vergessen, wo die Grenze zwischen gesund und krank verläuft. Ich fühle mich gesund, mache aber immer noch kranke Sachen. Das, was die anderen als krank betrachten würden. Die anderen? … Ich habe schließlich gelernt, dass es keine normalen Menschen gibt. Die Normalvariante eines Menschen klingt wahrscheinlicher. Denn es gibt eine Normalvariante, die gibt es. Die Normalvariante steht morgens auf, duscht, frühstückt, bringt die Kinder in die Schule, geht zur Arbeit, holt die Kinder, isst zu Abend, nimmt möglicherweise ein abendliches Bad, produziert möglicherweise neue Kinder, die man abholen muss, schläft, wacht auf, nimmt eine neue Dusche, isst ein neues Frühstück… Ich finde, das klingt krank. Aber es ist nicht krank. … Es gibt eine verschwommene Grenze zwischen dem, wie gesund man sein will, und dem krankhaften Normalzustand. … Die Tourette-Energie ist meine beste und hoffnungslos unerklärliche Freundin geworden. Es ist die Energie, mit der ich lebe. Ich weiß nicht, wer ich ohne diese Energie wäre.“ (S. 473)
Schlussendlich garantiere ich, dass diese vielfältige, zahlreiche und exzerptartige Zusammenstellung von Zitaten zweier Werke, nicht das vorwegnimmt, was man durch den Lesegenuss erhält, die Bücher in Gänze zu lesen. Zur Darstellung des Kranken als Quell literarischen Schaffens waren die ausgewählten Stentenzen jedoch geradzu prädestiniert.
Post scriptum sei bemerkt, dass beide Protagonisten, der fiktive Andy Cage aus Matt Ruffs „Ich und die anderen“ und Pelle Sandstrak, Hauptfigur und Autor seines autobiografischen Buchs „Herr Tourette und ich“ im gleichen Jahr geboren wurden: 1965! Wohl nur ein seltener Zufall oder doch der Beweis für ein Seuchenjahr? Zweifelsfrei aber Stichhaltigkeit für das Geburtsjahr zweier ganz besonderer Charaktere.









